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Kommentare & politische Analysen von

Taufik
Hamdosch
_____10.08.2006_____________________
Der
iranisch - syrische Stellvertreterkrieg im Libanon und seine
Auswirkungen
- Israel soll umsichtig sein und neue Strategien im Nahen Osten
wirksam werden lassen.
- Die EU-Staaten und die USA sind aufgefordert, in der
Außenpolitik, insbesondere im Nahen und Mittleren Osten, mehr
Einheit zu demonstrieren und verstärktes gemeinsames Engagement
zu praktizieren.
- Ein entschlossener Kampf gegen den Terrorismus erfordert von
der EU und den USA "Investitionen" in demokratische
oppositionelle Bewegungen und
verlangt
Programme zum Aufbau und
zur Förderung zivilgesellschaftlicher sozialer Strukturen auch
in Syrien und im Libanon.
Der Krieg im Libanon zieht sich in die Länge: eine kleine
radikal-extremistische Schiiten-Gruppe wuchs im Schatten der
Konflikte zu einer Widerstandsmacht heran und führt einen
Stellvertreterkrieg im Auftrag von Iran und Syrien. Raketen
treffen das innere Herzland Israels. Die Infrastruktur des
Staates Libanon ist massiv zerstört und das Land um Jahrzehnte
zurückgeworfen worden. Generationen sind von schweren Verlusten
betroffen. Die Libanesen rücken anscheinend erstmalig zusammen
gegen Israel.
Die Frage lautet warum und wieso?
Aus Anlass der Aktualität in Anbetracht der Kriegshandlungen
zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon sollen
hier politische Eckpunkte angesprochen werden,
welche Fehlentscheidungen der Außenpolitik von Israel, der
EU-Staaten und der USA in der Vergangenheit referieren.
Was ist falsch an der israelischen Verteidigungspolitik und an
der langfristigen Planung der Strategie des jüdischen Staates im
Nahen Osten?
Die Interessen der USA im Nahen Osten sind vielfältig und seit
langer Zeit den politischen Beobachtern der Region geläufig.
Exemplarisch gab der US-Botschafter im Libanon im Sommer 1974 in
einem Interview in Beirut bekannt, dass sich in 20 Jahren die
Landkarte im Nahen Osten ändern würde und neue Staaten sich
formieren könnten.
Seither ist viel Zeit vergangen - und sehr wenig auf der
politischen Bühne im Nahen Osten hat sich wirklich verändert.
Die gesellschaftlichen Strukturen haben sich eher noch
nachteilig entwickelt:
1- Der Vormarsch der religiösen
islamistischen Ideologie in der Islamischen Welt.
2- Der Eroberung der Macht durch die so genannten "islamischen
Revolutionäre" in Teheran.
3- Die Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran
und die Demütigung dieser Weltmacht.
4- Viel zu geringes Engagement der USA (bis zum 11. September
2001) für Menschenrechte und Demokratie in der ganzen Welt.
5- Unterstützung der diktatorischen Regime im Nahen Osten.
6- Mehrgleisige Haltung der
EU-Staaten und z. T. Kooperation mit den Diktatoren.
7- Eine vernichtende strategische Fehleinschätzung der
Hauptverantwortlichen des jüdischen Staates in Bezug auf die
politische Zukunft im Nahen Osten und die Sicherheit der
Existenz des Staates Israel.
Weder die USA noch Israel haben irgendwelche durchgreifend
verändernden Initiativen unternommen noch irgendwelche
Initiativen von demokratischen Oppositionsbewegungen nachhaltig
unterstützt, um eine positive demokratische und tolerante
Wirklichkeit in einer radikalisierten nahöstlichen Welt zu
erreichen.
Es ist nicht gelungen, den dort lebenden Menschen eine gewisse
kulturelle und politische und ökonomische Perspektive im Zeichen
einer modernen Zivilität in Aussicht
zu stellen.
Die Hisbollah-Partei im Libanon erhält uneingeschränkt
Finanzmittel und Waffen aus dem Iran und Syrien. Die gesamte
Anhängerschaft lebt von lukrativen Geschäften und
Finanzeinnahmen, wobei die Mittel vorwiegend auf die Rekruten
aus der armen Bevölkerungsschicht verteilt werden.
In kurzer Zeit, im Laufe von sechs Jahren, entstand eine
bewaffnete Armee im Südlibanon an der Grenze zu Israel in Form
eines Staates im Staate.
Hat der israelische Sicherheitsapparat dies nicht bemerkt oder
die Gefahr nicht ernst genug genommen?
Diese bewaffnete schiitische Irregularität trotzt einer der
größten Armeen im Nahen Osten und feuert diverse Arten von
Raketen auf die Zivilbevölkerung in Nord-Israel. Haben die
heutigen und ehemaligen Verantwortlichen im Staat Israel die
Lage derart fehleingeschätzt?
Die Frage ist nicht wie und in welcher Form Israel die
Hisbollah-Partei in die Schranken verweist oder ihre
militärische Macht zerstört.
Das wird über kurz oder lang geschehen. Aber die Zerschlagung
der Hisbollah bedeutet nur eine mühselig eroberte Schlacht und
bedeutet nicht den Gewinn eines langjährigen
Veränderungs-Krieges im Nahen Osten. Es wird demnächst eine
vorübergehende Pause der Auseinandersetzung geben, aber keine
dauerhafte Lösung.
Um eine dauerhafte Lösung im Nahen Osten zu erreichen, ist nicht
die Politik des Nachgebens gefragt, sondern eine Politik der
offensiven Anstrengung mit Plan und Verstand.
Die Politik muss so klar, eindeutig, transparent und zuverlässig
sein, dass die fortschrittlich und modern denkenden Menschen in
den Staaten im Nahen Osten ernsthaft davon überzeugt und darin
bestärkt werden, dass generelle Veränderungen und tatsächlich
weit reichende neue Perspektiven auf der Agenda stehen. Dies
wird ihnen Motiv sein und sie zur Handlung in demokratischer
Absicht bewegen.
Bis jetzt ist nur eine Partei im Nahen Osten entschlossen aktiv
und gewinnt die Oberhand. Diese Partei umfasst die radikalen
Gruppen, Islamisten, arabische
Nationalisten: Regimehalter von Iran und Syrien.
Die zweite Partei ist die schweigende Mehrheit der Bevölkerung
in den entsprechenden Staaten, die sich zu der Tagesordnung
nicht oder nur verdeckt äußert.
Hier aber liegt das Potential der zukünftigen neuen
Wirklichkeit im Nahen Osten.
Diese zweite Schicht stellt die moderate, gebildete und mit
einem weiten Blick in die Zukunft schauende Bevölkerungsklasse
dar.
Warum diese Mehrheit schweigt und sich nicht aktiv an
demokratischen Veränderungen beteiligt, besteht darin:
1- Die Übermacht der radikalen Regime mit Finanzmitteln und
Waffen und die Angst der Bevölkerung vor den mörderischen
Geheimdiensten.
2- Mangelnde Unterstützung durch die demokratischen Staaten,
also in erster Linie die EU-Staaten und die USA.
3-
Im-Stich-gelassen-sein bis zum Verrat der
demokratischen und moderaten Kräfte in diesen Ländern durch
Kompromisse und politische Fehlentscheidungen der mächtigen
großen und kleinen Staaten zu Lasten der moderaten Schicht in
den jeweiligen Ländern.
Stellungnahme zur Position des Staates Israel:
Der Staat Israel ist seit 1948 in Palästina konstituiert worden
und von der Bevölkerungszahl und von der Landfläche geringer
Dimension. Israel stützt sich auf die militärische Macht, um
seine Existenz zu verteidigen. Dieser Faktor allein ist sehr
schwach und gibt dem Staate Israel keine Garantie auf die
Dauersicherung.
Was passiert, wenn in der Zukunft einmal das israelische Militär
zurückgeschlagen wird und die EU-Staaten und USA in eine Krise
geraten und keinen militärischen Beistand leisten?
Alternativ gibt es noch immer die israelische Atombombe. Wird
Israel nach dem Einsatz der Atombombe glücklich leben? Es gibt
auch dafür keine Garantie.
Israel hat die Chance und die Kraft, die vergangene Politik zu
überdenken, sich die Unterlassungen und Fehler der Vergangenheit
vor Augen zu führen, Korrekturen zu veranlassen und eine neue
politische Strategie zu entwickeln und zu praktizieren.
Israel muss den ethnischen Umgebungen mehr Aufmerksamkeit
schenken und auf dieser Basis seine langfristigen Planungen und
Förderungen veranlassen. Es gilt also, dem subjektiven Faktor
und der Zusammensetzung der Bevölkerungen in den Nachbarstaaten
im Libanon und Syrien die erforderliche Referenz zu erweisen.
Israel ist in dieser Hinsicht in der Vergangenheit kein
zuverlässiger politischer Partner gewesen. Nach dem Einmarsch
der Israelis in den Libanon bis Beirut im Jahre 1982 und auch
vorher sind Fehlentscheidungen getroffen worden.
Die Israeli haben die Christen und die aufgebaute libanesische
pro-israelische Armee im Süd-Libanon im Stich gelassen.
Die Gruppe der Druzen wurde im
Libanon nicht gefördert und unterstützt als Anwalt für mögliche
Allianzen zur Israel.
Israel unterzeichnete 1976 ein Geheimpapier mit dem damaligen
syrischen Ex- Präsidenten und hielt sich bis vor kurzem an diese
Abmachung mit dem syrischen Regime als Nachbarstaat in geheimer
Kooperation zu leben.
Der Libanon ist kein rein arabisches Land, auch Syrien nicht.
In Syrien lebt eine multi-ethnische Bevölkerung, sie besteht aus
Heute ca. 15-18% arabische Bevölkerung (ursprünglich
eingewanderte arabische Bevölkerung, die in Eroberung und
Islamisierung des Landes ihre Substanz hat);
ca. 20-25% kurdische Bevölkerung; ca. 14% Christen und 12-14%
Druzen, die nicht-arabischer
Abstammung sind;
nur ca.10-12% entstammen der Volksgruppe der in Syrien
herrschenden Alawiten;
ca. 6% Turkmenen und weitere in der Zahl noch kleinere
Minderheiten.
Dass die Mehrheit der arabischen Bevölkerung im Nahen Osten
gegen das Existenzrecht des Staates Israel ist, ist kein
Geheimnis.
Gerade daher müsste Israel Gedanken und Perspektiven entwickeln,
die Sympathie und Solidarität der ethnischen Bevölkerungen im
Nahen Osten für sich zu gewinnen.
Beispiele zum Wachrütteln der israelischen Strategie-Planer,
erwähne ich als Kurde aus Kurdistan-Syrien:
Auf einer Presse-Konferenz in Holland im Sommer 1974 gab der
israelische Botschafter auf die Frage eines Journalisten „ob
eine Zusammenarbeit oder eine Koordination zwischen dem
Widerstandskampf des kurdischen Volkes unter der Führung von
Mulla Mustafa
Barazani im Nord-Irak und dem Staat Israel bestehe“, die
Antwort der Botschafter: „Nein, ohne den Kampf der Kurden und
die Frage des kurdischen Volkes im Nahen Osten werden die Araber
Israel eher anerkennen und miteinander Frieden schließen“.
Punkt 1 - In Rahmen einer akuten Fehlspekulation und durch
Einsatz der israelischen Außenpolitik hat Henry Kissinger (USA)
den kurdischen Kampf niedergeschlagen. Der kurdische Führer
General Mustafa Barazani wurde als
politischer Gefangener in Teheran unter Hausarrest gestellt.
60 Millionen Kurden in der Ost-Türkei, Nord-Syrien,
Nordwest-Iran und Nord-Irak vergessen diese dramatische
Geschichte nicht.
Punkt 2 - Die Auslieferung des kurdischen Politiker PKK-Führer
Öcalan als Bauernopfer an die Türkei durch Israel –USA, um mit
der Türkei ins Geschäft zu kommen, hat sehr negative
Auswirkungen bei Kurden hinterlassen, auch bei denjenigen, die
der PKK fern sind. Das Verhältnis Türkei - USA ist hat sich
dennoch dramatisch verschlechtert.
Punkt 3 - Die Erschießung von zwei kurdischen Demonstranten vor
der Israelischen Botschaft im Februar 1999 Berlin ohne
offizielle Entschuldigung sitzt in den Köpfen aller Kurden.
Punkt 4 - Die Mitteilung eines israelischen Diplomaten in
Europa im Januar 2006: „Wir haben keine Interesse an einem Sturz
des Baath-Regimes in Damaskus und
wir möchten dies nicht. Syrien schützt unsere nördliche Grenze“.
Diese diplomatische Stellungnahme hat den letzten Hoffnungsfaden
einer solidarischen Position mit dem Staate Israel ganz
erheblich gefährdet.
Israel hat daran zu arbeiten, bald schon: damit sich das Bild
des Staates Israel in den Köpfen der moderaten Menschen im Nahen
und Mittleren Osten positiv ändert.
Die Stützung naher wie ferner israelischer Strategien auf
geheime oder halb offene diplomatische Beziehungen mit
arabischen Regimen aus den
Kategorien der Diktatoren, Könige und Emire und Kleriker sichert
das Existenzrecht Israels nicht; auch die militärische Übermacht
alleine ist , wie wir jetzt sehen, kein Garant für eine
dauerhaft friedliche Lösung.
Wir hoffen auf aufmerksame Ohren, wendige Köpfe, um neue Wege
erfolgreich beschreiten zu können.
Die europäische Union spielt trotz ihrer angeblich solidarischen
Beziehung zu Israel eine opportunistische und ambivalente Rolle,
was den aktuellen Krieg und Konflikt angeht. Für die EU stehen
viel eher die engen wirtschaftlichen und diplomatischen
Beziehungen zu den Regimes in Teheran und Damaskus oben auf der
Tagesordnung.
In Deutschland werden z.B. gesellschaftliche,
politisch-demokratische-oppositionelle
Organisationen aus Syrien mit Anweisungen von oben daran
gehindert, Unterstützung zu erhalten. Deutsche politische und
soziale Stiftungen pflegen ungerührt harmonischen Umgang mit dem
Regime in Damaskus.
Die Herren Politiker Steinmeier, Perthes
und Trittin et al. werden in Sachen förderlicher nahostpolitisch
Diplomatie noch einiges zu lernen haben.
Trotz der Äußerung des israelischen Ministerpräsidenten
Olmerts, der - wie auch neutrale
Beobachter - das syrische Regime "gefährlich rücksichtslos und
unverantwortlich" nennt, orientieren sich deutsche
diplomatische Repräsentanten nach Damaskus.
Die EU-Staaten sind gut beraten, neben den USA im
entschiedeneren Kampf gegen den
Terrorismus zu stehen.
Es ist dies nicht nur ein Krieg um die kopflose Ideologie des
fernen Extremismus, es ist der Kampf der Kulturen. Die eine will
mit Kampf und Terror zurück in die Vergangenheit unter dem
Deckmantel des Islams und die zweite Kultur ist die, die moderne
zivilisierte Weltanschauung repräsentiert.
Wer eine zivilisierte, demokratische und friedliche Welt
wünscht, weiß auch, wohin und wie der richtige Weg geht.
Es geht um Sein oder Nichtsein. Das Ganze gilt es zu sehen.
Weitblick und förderliche Initiativen sind dringend
erforderlich.
Dr. Dr. med.
Taufik Hamdosch
Koalition
Demokratisches Syrien, KDS
Kurdistan
Democratic Party –
Syria, KDPS
-
Vorsitzender –
Spezialbericht Kurdistan-Info-Report
Herausgeber
KDPS,
www.kdps.info
e-mail:
hamdosch@hotmail.com
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